Neue Ideen für herausfordernde Zeiten

Alema Ljumanovic-Hück

 

Im Interview für den Newsletter DAAD Aktuell (Ausgabe 1/2022) gibt die Leiterin der Internationalen DAAD-Akademie (iDA), Alema Ljumanovic-Hück, einen interessanten Einblick in die Arbeit der Fortbildungsakademie. Sie spricht über die Herausforderungen für Hochschulen bei der Internationalisierung, über die Folgen der Pandemie für den eigenen Seminarbetrieb und über neue Schwerpunktthemen in der iDA.

Im vergangenen Jahr beging die iDA ihr 15-jähriges Jubiläum. Gab es Grund zum Feiern?

Selbstverständlich! Wir befinden uns immer noch in äußerst herausfordernden Zeiten und obwohl das Jubiläum leider pandemiebedingt nicht angemessen zelebriert werden konnte, so sind wir doch stolz auf das, was wir bis heute erreicht haben. Außerdem planen wir, das Jubiläum in diesem Jahr mit einer besonderen iDA-Veranstaltung „nachzufeiern“... Das schenken wir uns nachträglich zum Geburtstag.
Die iDA wurde vor allem in den letzten beiden Jahren so richtig durchgerüttelt und hat in kürzester Zeit große Veränderungen vollzogen, die sich im Gründungsjahr noch niemand hätte vorstellen können. Die iDA ist durchgängig verlässlicher Partner der Hochschulmitarbeitenden in allen Internationalisierungsfragen geblieben und das Interesse an unseren Fortbildungsformaten ist ungebrochen. Es werden jedes Jahr mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer und sie profitieren nicht nur von der Wissensvermittlung, sondern geben auch ihre eigenen Erfahrungen an die Gruppe weiter. Die wichtigste Neuerung ist sicher, dass der überwiegende Anteil der iDA-Seminare nun digital angeboten werden kann. 

Gespräch

 

Ich selbst bin noch nicht so lange dabei, kannte aber die iDA aus anderen Kontexten – auch als Teilnehmerin – und war schon damals von der Angebotsvielfalt und Professionalität beeindruckt. Die Idee vom lebenslangen Lernen lebt die iDA vor, indem sie sich kontinuierlich weiterentwickelt. Es werden neue Themenfelder erschlossen, bedarfsgerechte Fortbildungsformate erprobt, die Zielgruppe erweitert.

Wie stark hat die Pandemie die Tätigkeit der Akademie beeinflusst?

Enorm! Unser Fortbildungsprogramm wurde bis zur Pandemie komplett in Präsenz angeboten, in Bonn, Berlin oder Inhouse an Hochschulen. Im Frühjahr 2020 musste bei der iDA innerhalb kürzester Zeit und ohne große Erfahrungswerte der gesamte Akademiebetrieb von Präsenzkonzepten in Online-Formate übertragen werden. Die Kolleginnen und Kollegen liefen hinter den Kulissen auf Hochtouren. Plötzlich wurde an den Hochschulen nicht mehr über theoretische Konzepte und Planspiele der Digitalisierung debattiert, sondern man befand sich unvermittelt mitten im Umsetzungsprozess. Entsprechend mussten nicht nur die Fortbildungsformate umgestellt werden, um die Mitarbeitenden in den Hochschulen weiterhin zu erreichen, sondern besonders auch die Inhalte. Mittlerweile bietet die iDA routiniert unterschiedlichste Online-Formate an, alle Seminare werden von der DAAD-Moodle-Plattform begleitet und auch inhaltlich hat sich der Themenbereich „Digitalisierung“ fest etabliert. Dieser Digitalisierungsschub wäre ohne die Pandemie nicht so schnell vollzogen worden – so wurde aus der Not eine Tugend gemacht. 

Online Arbeiten

 

Die Erfahrungen, die die iDA mit Online-Formaten macht, zeigen deutlich die Potenziale, aber auch die Grenzen von Online-Fortbildungen. Viele Teilnehmende schätzen nach wie vor Aspekte der bisher vorwiegend angebotenen Präsenzformate. Dazu gehört insbesondere die Möglichkeit, für eine Fortbildung den Arbeitsplatz und damit das Tagesgeschäft zu verlassen und sich ganz auf ein Thema zu konzentrieren sowie sich mit Referentinnen und Referenten und anderen Teilnehmenden auch auf informeller Ebene vernetzen zu können – bei den Pausen oder beim Abendessen. Nichtsdestotrotz bieten auch die virtuellen Formate viele Vorteile und stießen auf große Resonanz bei den Hochschulen. Indem Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter mit längerer Anreise nach Bonn bzw. Berlin, von Hochschulen mit geringerem Reisebudget bzw. Personalressourcen, Personen mit Mobilitätseinschränkungen oder Eltern von kleinen Kindern oder mit zu pflegenden Angehörigen vermehrt an virtuellen Fortbildungen teilgenommen haben, konnte die iDA ihre Zielgruppe deutlich erweitern und die Teilhabe dieser Personengruppen an fachlicher Weiterbildung erleichtern. So ist die Zahl der Teilnehmenden aus einigen Bundesländern im Vergleich zu den Vorjahren um etwa ein Viertel gestiegen, aus manchen hat sie sich sogar verdreifacht. Virtuelle Formate tragen also eindeutig zu erhöhter Diversität der Teilnehmenden bei. Daher wird die iDA neben den weiter stark nachgefragten Präsenzseminaren auch die erfolgreich erprobten digitalen Fortbildungen weiter anbieten.

Was bietet die iDA, was andere Bildungseinrichtungen nicht leisten können?

Wir befinden uns im engen Austausch mit unseren Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern und wissen durch den Dialog mit ihnen um die aktuellen Bedarfe im Bereich Internationalisierung an den deutschen Hochschulen. Die Kurse profitieren dabei vom breiten Spektrum, dass der DAAD mit seiner Expertise und seinem weltweiten Netzwerk, diversen Förderlinien und Wissensprodukten als Think Tank und politischer Akteur bietet. Dadurch sind unser Angebot und die iDA insgesamt einzigartig. Unsere Seminare leben auch vom Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander: Peer Learning – für die iDA bereits von Beginn an fest etabliert und zentral in den Formaten. Ganz besonders wichtig ist dies bei neuen oder kontroversen Themen in einer so diversifizierten Hochschullandschaft wie der deutschen. Außerdem richten wir unser Kursprogramm immer inhaltlich eng an den aktuellen Bedarfen der deutschen Hochschulen aus und geben viel Raum zur Partizipation an der Themengestaltung.

Alema Ljumanovic-Hück Cafeteria

 

Welche Schwerpunkte stehen im aktuellen Programm im Mittelpunkt und welche neuen Themen sind hinzugekommen?

Unser Angebot umfasst Seminare rund um die Internationalisierung. Dazu gehören strategische und rechtliche Themen, regionale und interkulturelle Kompetenz, Spracherwerb, internationales Hochschulmarketing (GATE) und vieles mehr. Aktuelle hochschulpolitische Themen und Entwicklungen werden ebenfalls aufgegriffen. Für 2022 haben wir neben der „Digitalisierung“ als längerfristiges Querschnittsthema im Bereich Internationalisierung die Themen „Diversität und Mobilität“, „Nachhaltigkeit“ sowie „(internationale) Fachkräftegewinnung“ in den Fokus gestellt. Wir werden uns beispielsweise die neuen Mobilitätsmuster entlang der digitalisierten Student Journey anschauen wie auch die Angebote und Herausforderungen, die bei der Zielsetzung, die physische Mobilität weniger mobiler Studierendengruppen zu erhöhen, entstehen. In einem Seminar werden wir die Internationalisierungsstrategien an HAW im internationalen Kontext vergleichen, in einem anderen werden wir uns den Instrumenten zur Steuerung und Messung von Internationalität widmen, in wieder einem anderen den europäischen Hochschulen.

Länderflaggen

 

Regional haben wir dieses Jahr China, Indien, Südostasien, Türkei, Iran, Russland, Skandinavien, Kolumbien, Afghanistan, Arabische Länder sowie die Andenregion im Angebot. Hier arbeiten wir zusammen mit dem neu gegründeten Kompetenzzentrum Internationale Wissenschaftskooperationen (KIWi). Alle Interessierten werden die Möglichkeit haben, einen Englischsprachkurs in Edinburgh oder einen Französischsprachkurs in Paris zu besuchen. Im Rahmen unseres Sonderprogramms zur Begleitung geflüchteter Studierender bündeln wir deutsche und internationale Expertise zu den Themen Anerkennung von Zeugnissen und Qualifikationen, akademische Nachqualifizierung und Berufsorientierung von internationalen Studierenden und Hochschulabsolventen, Integration gefährdeter Forscherinnen und Forscher und vieles mehr. Auch fachbereichsspezifische Fortbildungen werden in der Reihe „Fokus Fachbereich“ zum Beispiel für Ingenieurwissenschaften und Informatik an HAW erprobt.

Worin sehen Sie für Hochschulen die größten Herausforderungen bei der Internationalisierung?

Die Auswirkungen der Pandemie erfordern von den deutschen Hochschulen im Kontext der Internationalisierungsmaßnahmen ein Umdenken in vielen Prozessen und ein hohes Maß an Flexibilität. Die Prognosen beispielsweise in Bezug auf internationale Mobilität sind sehr schnell veränderte Realität – the new normal – geworden und Themen wie Nachhaltigkeit zunehmend in den Fokus gerückt. Viele bewährte Konzepte sind in Frage gestellt und müssen neu gedacht werden – dies bietet jedoch vielfältige Chancen mit Blick auf Partizipation, Diversität, Gleichstellung, Nachhaltigkeit und vieles mehr. 

Nachdem in den letzten beiden Pandemiejahren gezwungenermaßen fast ausschließlich im Ausnahmezustand operiert wurde und es erste Priorität sein musste, den Hochschulbetrieb neu zu erfinden und am Laufen zu halten, ist nun langsam wieder Zeit für Qualitätssicherung, Monitoring und strategische Ausrichtung – um zu prüfen, welche Maßnahmen gut funktioniert haben und welche nicht, welche Prozesse man beibehalten möchte und wo es Optimierungsbedarf gibt. Eine offene, kritikfreudige und neugierige Perspektive einzunehmen und zu behalten, ist sicherlich elementar. Mit unserem Angebot wollen wir den Hochschulen dabei helfen, indem wir zu einschlägigen Themen die wichtigsten Akteure zusammenbringen und sie voneinander und von ihren Erfahrungen profitieren lassen. 

Digitale Fortbildung

 

Welche Pläne und Wünsche hat die iDA für 2022?

Lassen Sie mich einen großen Wunsch den Plänen voranstellen: der Wunsch nach persönlichem Kontakt mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor Ort in Bonn oder Berlin. So dankbar wir für die Online-Formate sind, so sehr vermissen wir den persönlichen Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie den Referentinnen und Referenten. Die Kaffee- und Mittagspausen, der Austausch und die vielfältigen Anekdoten eines jeden im Seminarraum oder beim gemeinsamen Abendessen lassen sich durch keinen Breakout Room, digitales World Café oder Wonderme-Szenario ersetzen. 

Wir werden unsere Online-Seminarkonzepte didaktisch und methodisch weiterentwickeln, neue Konferenz- und Kollaborationstools einsetzen und gleichwohl wieder versuchen, verstärkt attraktive und sichere Präsenzformate anzubieten. 

Umfrage

 

Nachdem wir uns 2021 aus Gründen der Nachhaltigkeit und Aktualität von der gedruckten Programmbroschüre verabschiedet haben, planen wir für dieses Jahr, unseren Online-Auftritt umfassend zu modernisieren, und können hoffentlich Ende des Jahres ein neues persönlicheres und nutzerfreundlicheres Webdesign präsentieren. Wir möchten in der Kommunikation noch nahbarer werden und die diversen Akteure der iDA-Seminare vorstellen sowie auch ehemalige Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer zu Wort kommen lassen.

Wir laden alle Leserinnen und -Leser herzlich ein, an unserer Online-Umfrage zur iDA-Webseite  teilzunehmen, denn wir wollen unseren Webauftritt – genauso wie wir es mit unserem Programm tun – im Dialog mit und für unsere Zielgruppe gestalten. Dort wartet auf Sie mit etwas Glück auch eine kleine Überraschung...

Interview: Torsten Seifert, 10. Januar 2022